Das wahre Leben – eine etwas andere Weihnachtgeschichte

 Das wahre Leben – Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte

Lesezeit 30-45 Minuten

Die schönste Zeit des Jahres, Andy’s Jahresurlaub, war gerade vorüber und er mußte sich mit dem Gedanken anfreunden, am Montag wieder in der Firma aufzukreuzen. Der Urlaub war in diesem Jahr vergleichsweise erholsam ausgefallen. Seine Kollegen hatten ihn in den letzten drei Wochen nur zweimal wegen Problemen in der Firma angerufen. Er hatte schon beinahe begonnen sich überflüssig zu fühlen. Dennoch wusste er genau, dass sie ihn am Montag anfallen würden. Ihm würde sehr schnell klar werden, dass er noch benötigt würde.

Doch für heute genoss er den Ausklang des Urlaubs. Es war ein herrlicher Sommerabend und er hatte es sich mit einem Glas Wein und einem guten Buch auf der Terasse gemütlich gemacht. Nebenbei checkte er seinen MyWeblife Account und postete Urlaubsbilder um sich zurückzumelden. Schon bald waren die ersten „gefällt mir“ Klicks und Kommentare zu sehen und er merkte, wie er wieder am Leben seiner Heimat teilnahm. Gina meldete sich per Sofortnachricht und schlug vor, noch etwas trinken zu gehen. Sie würde Jens und Mimi mitbringen. Er fand die Idee nicht schlecht und so verabredete man sich gegen 21:30 im Charlys, einer gediegenen Location mit WLAN Anschluß. Gina wollte unbedingt wissen, wie es Andy im Urlaub gefallen hatte. Über MyWeblife hatte sie zwar schon einige Bilder gesehen, doch war sie jemand, der es vorzog sich persönlich zu unterhalten. Den MyWeblife Chat sah sie eher als Notlösung. Andy hatte sich in Südfrankreich aufgehalten und war von einem phantastischen Surfurlaub braungebrannt zurückgekehrt.

Auch hatte er unterwegs neue Freunde kennengelernt. Unter anderem hatte er mit Terminator seinen Meister gefunden. Terminator hatte ihm zahllose neue Tricks, vor allem beim Wellenreiten beigebracht. Ganz begeistert von den optimalen Bedingungen am Meer erzählte er Gina, Mimi und Jens vom Urlaub. So verging die Zeit und man brach spät am Abend nach Hause auf.

Am nächsten Morgen fand er sich etwas zerknittert vor dem Spiegel wieder. Grundsätzlich war es keine gute Idee gewesen, sich in diesem Zustand vor den Spiegel zu stellen, der ihn mit einem „Na, gut geschlafen“ und „Du siehst heute aber gar nicht gut aus“ begrüßte. Seine Körpertemperatur war normal, der Puls und der Blutdruck auch. Jetzt trafen auch die Kommentare seiner Freunde von MyWeblife auf dem Spiegel ein. Es war zunächst nichts dabei, was hier wiedergegeben werden soll. Blutdruck und Puls stiegen leicht an, aber er hatte sich im Griff und veränderte mit Hilfe der chemischen Industrie und der Kommentare seiner Freunde sein Äußeres und seinen Gesichtsausdruck so lange, bis alle zufrieden waren. So würde er in die Firma gehen können.

Erwartungen

In der Firma wurde Andy bereits sehnsüchtig erwartet. „Guten Morgen Herr Behringer!“, begrüßte ihn seine Kollegin aus dem Nachbarbüro. „Schön, dass Sie wieder da sind. Wie war der Urlaub? …“ Nach diesem kleinen Smalltalk traf er an seinem Schreibtisch ein. Er hatte es im Urlaub vermieden, sich in das Netz der Firma einzuloggen, umso größer und überraschender war dafür das, was ihn jetzt erwartete. Man hatte die meiste Arbeit für ihn aufgehoben und nur das Nötigste war erledigt. Outlook begrüßte ihn freudig mit der Information „Sie haben 923 ungelesene E-Mails“ Und bereits nach kurzer Zeit hatte sich eine kleine Warteschlange aus Kollegen gebildet, die natürlich keine Urlaubserinnerungen austauschen, sondern die anstehenden Probleme mit ihm lösen wollten. Drei Wochen waren eine lange Zeit und so hatten einige Fälle eine gewisse Dringlichkeit erreicht.

Die letzte Müdigkeit war mit Hilfe des durch die Ereignisse bei seiner Ankunft in der Firma ausgelösten Adrenalinschubs sofort verflogen. Der erste Arbeitstag nach dem Urlaub verging also wie im Flug. Er hatte nicht einmal die Zeit auch nur einen einzigen Status in MyWeblife zu posten. Und am Abend hatte Andy noch immer noch 752 E-Mails zu beantworten.

Völlig erledigt kam er nach Hause und checkte sein Dashboard auf dem Tablet. In MyWeblife hatte sich Gina wieder gemeldet. Sie wollte sich mit ihm treffen. Allerdings stand noch einige Nacharbeit vom Urlaub an. Mit Mäuseschreck, Tiny und Sunnyboy hatte er sich im BodyFit verabredet. Man traf sich dort jeden Montag, um die eingerosteten Muskeln wieder in Schwung zu bringen. Eigentlich war seine Kondition durch den Urlaub ganz gut und er war gespannt, ob sich dies heute irgendwie bemerkbar machen würde. Deswegen vertröstete er Gina erst einmal.

Der Abend verlief ganz nach seinem Geschmack. Das Plus an Kondition im Urlaub hatte sich bemerkbar gemacht und er konnte jetzt deutlich besser mit Sunnyboy mithalten, als dies in der Vergangenheit der Fall war. Die kleine Gruppe ließ den Abend in der Bar des Fitnesscenters ausklingen und man verabschiedete sich bis zum kommenden Montag.

Zu Hause angekommen checkte er noch mal seinen MyWeblife Account und wünschte seinen Freunden eine gute Nacht.

Bei der Arbeit nichts Neues

Der berufliche Alltag pendelte sich langsam ein. Die Bugwelle an Arbeit, die vom Urlaub her vor ihm herlief sorgte dafür, dass er seine Arbeit niemals bewältigte. Andererseits schätzten seine Kollegen seinen Sachverstand und zogen ihn zu allen möglichen und unmöglichen Problemen hinzu. Dies führte natürlich dazu, dass er seine Arbeit noch weniger erledigen knnte, andererseits kam ihm dadurch auch Anerkennung und Wertschätzung zu.

Die fehlte ihm im privaten Leben ein wenig. Wenn überhaupt, dann war Gina dazu in der Lage ihn zu motivieren, andererseits waren reale Freunde auch nicht so wichtig, da MyWeblife ja genügend Kontakte zur Verfügung stellte. Sicher, er war nicht der fleißigste User, aber er hatte doch eine kleine Gruppe von Leuten in dieser virtuellen Welt um sich. Und – die Arbeit lastet ihn vollkommen aus.

Allerdings wurden die Kommentare seines Spiegels im Laufe der Zeit immer bissiger. Es gelang ihm so gut wie nie, dem Spiegel ein „Du siehst heute aber gut aus!“ zu entlocken. Auch brauchte er morgens immer länger, bis seine Freunde mit seiner Optik zufrieden waren. Deswegen entschloss er sich, sich ein neues Outfit zuzulegen und ging einkaufen.

Der Klamottenkauf

Andy machte sich über Suchhund erst einmal schlau, was gerade angesagt ist. Suchhund war die mit Abstand beliebteste Suchmaschine im Web. Was so gut wie niemand wusste oder, wenn er es wusste ignorierte, war, dass es auch die größte Datensammlung über jeden beliebigen Menschen der Welt war. Die enge Verzahnung Suchhunds mit anderen Diensten, wie MyWeblife sorgte dafür, dass er so gut wie alles über alle wusste. Unter anderem deshalb war er so ein beliebter und zuverlässiger Begleiter der Menschen.Suchhund hatte nur ein Ziel, nämlich den Konsum zu fördern und so war das, was er anzeigte nicht etwa neutral, sondern das, was sein Benutzer sehen wollte und höchstwahrscheinlich auch kaufen würde. Und so war das was er zu sehen bekam, das was er sehen wollte.

Mit den Vorabinformationen Suchunds ausgestattet, fragte er Gina, ob sie ihn begleiten wollte. Aber im Moment war es so, dass sie keine Zeit hatte. Deswegen nahm er einfach seinen Tablet mit. Dieser würde es ihm ermöglichen, sich unterwegs von seinen Freunden beraten zu lassen, wenn er die Auswahl via Webcam posten würde. Während der Anprobe musste er nun für sich filtern, wem er folgen würde. Sunnyboy fand seine Auswahl zu bieder. Er forderte ihn auf:“Mach doch mal was aus Dir!“ Terminator meinte: „Such Dir was sportlicheres“ Mäuseschreck war es egal, Tiny postete:“In diesem laden wirst Du nichts passendes finden“ So ging es weiter, jeder seiner Freunde hatte eine andere Meinung und keinem konnte er sich anschließen. Nach über einer Stunde verlor er die Geduld und verließ den laden nach unzähligen Anproben, ohne etwas gefunden zu haben.

Business as usual (Der tägliche Trott)

Die Zeit verging, das Jahr neigte sich immer mehr dem Ende zu. In der Firma war er total gefordert und total gebraucht. Er war mittlerweile der Meinung, dass ohne ihn alles zusammenbrechen würde. Seinen Plan, sich ein neues Outfit zuzulegen, hatte er in der Form umgesetzt, dass er ein paar Vorschläge Suchhunds via Internet bestellte und in die Firma liefern ließ. Obwohl er immer mehr arbeitete häuften sich auch kleine „Aussetzer“ Diese hatten teilweise unangenehme Folgen, andere wurden von den Kollegen abgefangen. Insgesamt zeigte seine Leistungskurve nach unten. Auch zum montäglichen Fitnesstreff konnte er sich kaum noch aufraffen.

Die einzige, die Kontakt zu ihm hielt war Gina und ihr gelang es auch, ihn ab und zu in eine Kneipe zu locken. Manchmal waren auch Jens und Mimi dabei. Die Abende waren immer ganz nett, im Gegensatz zu den Kommentaren seines Spiegels am nächsten Morgen. Denn obwohl er den Kontakt eigentlich benötigte und suchte, waren die Abende doch auch stressig für ihn und entsprechend stand er am nächsten Morgen meist extra zerknittert vor seinem Spiegel.

Die Anzahl seiner Freunde in MyWeblife stagnierte, was gleichzeitig auch ein Signal war, dass er auch im sozialen Leben eher unwichtig und eher unbeliebt war. Sein Konsum beschränkte sich auf das Nötigste, für alle anderen Dinge hatte er keine Zeit. Konsum war aber gerade das, worauf es in der Gesellschaft ankam. Basierte doch der gesamte Wohlstand darauf. Und so war es geradezu strafbar, nicht zu konsumieren. Andys Leben plätscherte dahin, ohne dass eine nennenswerte Änderung zu erwarten gewesen wäre bis am zweiten Advent etwas sonderbares passierte.

Der Nebel

Andy Behringer war am zweiten Adventssonntag unterwegs in die Firma. Er wollte noch einiges aufarbeiten und fand dazu gerade die Sonntage in der Firma besonders angenehm. Gina hatte ihm schon oft gepostet „Du bist verrückt!“ und irgendwie hatte sie ja auch recht, aber was verstand sie schon von seiner Bedeutung für den Betrieb? Er konnte sich am Sonntag in der Firma geradezu entspannen und war jedes Mal froh, die folgende Woche etwas ruhiger angehen zu können.

Der Sonntag war herbstlich trüb und neblig und auf dem Weg zur Firma fuhr er in eine dicke Nebelwand. Eine Wand, die scheinbar nie aufhörte. Er fuhr und fuhr, aber er schien im Nebel steckenzubleiben. Man sah kaum 20 Meter weit. Das Einzige was er feststellte war dass der Kilometerzähler weiterlief – und die Uhr – Irgendwie hatte er das Gefühl, sich verfahren zu haben und keine Ahnung wo er sich wirklich befand. Dummerweise hatte er heute sein Navi zu Hause gelassen. Auf dem Weg zur Arbeit brauchte er es nicht, da sein Auto diesen Weg nahezu alleine gefunden hätte. Nun – eben doch nicht ganz alleine, denn jetzt befand er sich im Nebel ohne Ahnung, wo er eigentlich war.

Seltsame Begrüßung

Nach einiger Zeit hielt er am Straßenrand an und stieg aus. In diesem Moment kamen ihm zwei freundliche Herren entgegen, die er zunächst für Polizisten hielt. Das Seltsame war nur, dass sie sich nicht auf deutsch, sondern englisch mit ihm unterhielten und keine ihm bekannte Uniform trugen. Offenbar hatte die Regierung die Exekutive an ausländische Mächte abgegeben. Sie erklärten ihm, dass Politaktivisten des „RightWay“ die Landschaft vernebelt hätten. Der Nebel sie neben der Tatsache dass man nichts sehe auch Ausdruck ihrer Meinung, dass die Regierung vernebelt sei. Bei dieser Bemerkung konnte sich Andy Behringer ein Grinsen nicht verkneifen. Man habe die Terroristen aber dingfest machen können und brauche ihn nun als Zeugen im kommenden Prozess. Zu seiner eigenen Sicherheit werde er bis zum Prozessbeginn in einer Einrichtung des Staates untergebracht. Man wolle verhindern, dass irgend jemand ihn infiltrieren könne. Der Prozess solle in wenigen Tagen beginnen.

Die Unterkunft war ein einfacher, schmuckloser Raum. Bett und Tisch waren vorhanden. Er konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, im Knast gelandet zu sein, dazu fehlten aber die Mitgefangenen. Seinen Tablet hatte er behalten dürfen und so versuchte er MyWeblife aufzurufen, was ihm allerdings nicht gelang. Der Empfang in diesen Räumen war zu schlecht und die Verbindung brach ständig zusammen. Wahrscheinlich, weil er sich offenbar im Ausland befand. Auch das Handy fand kein Netz und so blieb ihm nichts anderes übrig, als zu warten.

Der Prozess

Der Prozess begann schon zwei Tage später. Andy Behringer wurde zunächst als Zeuge vernommen. Er schilderte, wo er in den Nebel gefahren war und wie er die Orientierung verloren hatte. Er beklagte sich darüber, dass er wegen der Aktivisten vom rechten Weg abgekommen sei und verlangte eine Entschädigung für die Zeit, die ihn dieser Umweg und sein unfreiwilliger Aufenthalt an diesem Ort gekostet hatte.

Nach seiner Zeugenvernehmung wurde er mäßig freundlich und bestimmt gebeten, den Prozess weiter als Zuhörer zu verfolgen. Widerwillig setzte er sich in den Zuschauerraum. Das Gericht beschäftigte sich nun mit dem Angeklagten, der die Tat durchaus einräumte. Er behauptete als Einzeltäter gehandelt zu haben, was ihm das Gericht jedoch nicht abnahm. Eine so große Vernebelung könne nicht von Einzelnen verursacht werden und er solle die Hintermänner und Anstifter des „RightWay“ benennen. Dafür würde ihm eine Kronzeugenregelung in Aussicht gestellt.Der Angeklagte, sein Name war übrigens Lars Wright lehnte dies entscheiden ab, da er alleine gehandelt habe. Er nutzte seine Redezeit dazu, seinerseits eine Anklage gegen das Regime vorzubringen. Er legte dar, dass die Regierung unredlich handele, wenn sie hemmungslosen Konsum fordere und dabei die Verarmung großer Bevölkerungsgruppen in Kauf nehme, die sie dann wieder über die Sozialhilfe subventioniere, damit sie am Konsum teilnehmen könnten. Die Industrie nutze Billigarbeiter, die in diesem Land niemals von ihrem Lohn leben könnten und durch Sozialhilfe staatlich subventioniert würden, um ihren eigenen Profit zu teilen. Die Schulden, die der Staat durch Wohlstand bremsen wolle würden gerade durch die astronomischen Subventionen der Sozialsysteme explodieren. Es wäre nicht er, der das Land vernebelt habe, sondern die Sinne der Politiker wären vernebelt.

Andy Behringer musste zugeben, dass ihm diese Ansichten sogar gefielen, obwohl er sein Leben völlig anders angelegt hatte. Der Richter entzog mittlerweile dem Angeklagten das Wort, weil es nicht darum gehe hier politische Statements abzugeben und die Regierung zu beleidigen. Das Gericht beschäftigte sich nun mit den näheren Lebensumständen des Angeklagten. Alles wurde bis ins Detail beleuchtet. Wieviele Freunde und wen er in MyWeblife habe, welche seiner Interessen Suchhund herausgefunden habe, wieviel er verdiene, esse und trinke. Diese Tatsachen ließen Andy Behringer erschrecken. Er erkannte sich selbst in diesen Punkten wieder und merkte, welcher Macht er sich ausgesetzt hatte. Ihm war klar, dass keiner seiner Schritte und Gedanken jemals unbekannt bleiben würde. In diesem Moment begann er sich innerlich mit dem Lars Wright zu solidarisieren.

Die im Gericht zusammengetragenen Punkte ließen Lars Wright immer mehr zu einem Spiegelbild Andy Behringers werden und Zuge an sich erkennen, die sein Spiegel bislang zuverlässig ausgeblendet hatte. Zwar war er nicht so mutig und rebellisch wie Lars Wright, aber seine Motive konnte er durchaus verstehen und unterstützen. Er merkte, dass sich der Prozess nicht gegen Lars selbst, richtete, sondern dass es darum ging, ein Exempel zu statuieren und die Macht der Macht zu sichern. Noch während er diesen Gedanken nachging, wurde er von einem Gerichtsmitarbeiter aufgefordert auf der Anklagebank Platz zu nehmen. Nun wiederholte sich das Spiel und obwohl er nichts angestellt hatte wurde nun sein Leben vor Gericht analysiert, um seine Strafe festzulegen.

Noch während Andy Behringers Leben analysiert wurde, wurde ein weiterer Mensch auf die Anklagebank gesetzt. Andy stellte fest, dass es der psychiatrische Gutachter war. Auch er konnte mit Hilfe der Daten von Suchhund und MyWeblife genauestens analysiert werden. Auch in ihm erkannte Andy Behringer Zuge von sich wieder. Mittlerweile war die Zahl der Menschen auf der Anklagebank weiter angestiegen. Zunächst wurden der Rechtsanwalt Lars Wrights, dann der Staatsanwalt und zuletzt der Richter auf die Bank gebeten. Die Verhandlung fand nun ohne Richter mit ausschließlich Angeklagten statt.

Begegnung mit „der Macht“

Hinter dem Richterstuhl wurde ein großer Plasmabildschirm mit einem Bild der Macht enthüllt. Von dort kamen nun die Anweisungen zum Fortgang des Prozesses. Von dort erfolgte die weitere Beweisaufnahme gegen die Angeklagten und nach einiger Zeit zog sich die Macht zu Beratung zurück. Der Bildschirm wurde schwarz und zeigte einen grünen Wartekringel.

Nach etwa 20 Minuten hatte die Macht das Urteil fertig. Es lautete: Völlige Ausfilterung der Angeklagten aus dem Internet. Die Kontaktaufnahme zu Freunden über MyWeblife wird wegen der für die Macht strafbaren Ansichten der Angeklagten unterbunden.Sämtliche Accounts der Angeklagten bleiben dabei zwar erhalten, sie sind aber schlicht nicht mehr zu finden. Alle Aktivitäten, der Angeklagten werden damit weiter aufgezeichnet.

Dies ist die schlimmste Strafe und kommt völliger sozialer Isolation gleich. Die Arbeitskraft der Angeklagten bleibt dabei erhalten, aber das das soziale Umfeld nur über das Internet aufgebaut und erhalten werden kann, bedeutet es auch im Lauf der Zeit: völlige Isolation.

Als Andy Behringer den Gerichtssaal verließ fand er sich in seinem Auto auf der Fahrt in die Firma wieder, als sei nichts gewesen.

Zurück im Leben

Als er in der Firma ankam, wurde er bereits wieder sehnsüchtig erwartet. Er stellte fest, dass er etwa eine Woche mit diesem Prozess verloren hatte. Die Kollegin aus dem Nachbarbüro begrüßte ihn wie immer. Die Schlange der Kollegen vor seinem Büro bildete sich wie immer. Und die Besprechungen wurden gehalten wie immer. Jetzt merkte er, dass seine Tätigkeit in der Firma kein Leben war. Das wahre Leben musste sich woanders abspielen. Er fuhr nach Hause. Das Dashboard auf seinem Tablet war leer. Niemand hatte sich gemeldet, Die Mailbox des Handys war leer. Niemand hatte ihn vermisst. Er versuchte Kontakt zu seinem montäglichen Fitnessclub aufzunehmen. Es war nicht möglich. Andy spürte jetzt, was das Urteil bedeuten würde. Er würde nur noch arbeiten – und sonst nichts.

Wenn da nicht Gina gewesen wäre, die MyWeblife nie zu wichtig genommen und sich schon immer lieber mit anderen persönlich getroffen hatte. Gina machte sich auf den Weg zu Andy. Aber es war verrückt, obwohl sie den Weg zu ihm und das Haus bestens kannte, konnte sie das Haus nicht finden. Schon seit Tagen hatte sie vergeblich versucht ihn über Myweblife zu kontaktieren, aber alles blieb unbeantwortet. Sie rief auf seinem Handy an, aber es ging nur die Mailbox ran. Es war wie verhext. Andy antwortete nicht – und sie fand ihn nicht.

Sie begann in MyWeblife andere Freunde nach Andy zu fragen, aber sämtliche Fragen blieben unbeantwortet. Es schien, als ob alles, was mit diesem Namen zu tun hätte nicht existierte. Andere Nachrichten an die Freunde wurden nämlich ohne Probleme beantwortet. Irgendwie bekam es keiner mit, dass es Andy noch gab und es schien auch keinen zu interessieren, ob er noch existierte. Gina war verzweifelt und sauer gleichzeitig. Auch sein Spiegelbild hatte sie nicht mehr gesehen.

Die Macht der Macht

Nicht nur Gina bemerkte, dass etwas nicht stimmte, auch andere, mit denen sie Kontakt hatte berichteten davon, dass sie einzelne Freunde nicht mehr erreichen konnten. Sie wären wie vom Erdboden verschluckt, obwohl ihre Handynummern und MyWeblife Konten noch zu sehen waren. Allerdings blieben die Inhalte auf einem alten Stand. Es gab keine neuen Postings und Bilder. Sie schienen irgendwie aus dem Verkehr gezogen worden zu sein.

Die Macht kontrollierte mittlerweile alles. Mit den Prozessen, wovon der gegen Lars Wright einer der spektakulärsten war – wie auch seine Vernebelungsaktion – hatte man sich fast alle Menschen ausgeschaltet, die der Macht irgendwie gefährlich werden konnten. Es galt zu konsumieren. Vor allem jetzt in der Vorweihnachtszeit.Alles musste sich diesem Gesetz des Konsums unterordnen. Es gab keine freie Meinung und alles was den Konsum, das Wirtschaftswachstum oder den Wohlstand gefährdete wurde eliminiert. So wie Andy Behringer und Lars Wright und die anderen Angeklagten– einfach ausgefiltert. Die Macht kontrollierte alles und steuerte alles und wusste alles über alle. Wer sich widersetzte war ein Terrorist.

Mittlerweile nahte das Weihnachtsfest.

Weihnachten

In diesem Jahr waren Herbst und Winter außerordentlich mild. Ideales Konsumwetter. Auch die gesamte Vorweihnachtszeit über war es eigentlich zu warm, so dass die Glühweinverkäufer auf den Weihnachtsmärkten Mühe hatten, ihr Produkt an den Mann, bzw. die Frau zu bringen. Doch jetzt, am 23.12. änderte sich die Großwetterlage. Der Wetterdienst sagte eine deutliche Abkühlung voraus, dies sollte mit Unwettern und extremen Stürmen einhergehen.

Daran wäre an sich noch nichts Besonderes gewesen. Hatten Orkane in der Vergangenheit doch schon öfter das Weihnachtsfest weggeblasen. In diesem Jahr allerdings handelte es sich nicht um ein lokales – auf ein Land oder eine Region bezogenes Problem, sondern aus allen Ländern waren ähnliche Unwetterwarnungen zu hören. Wenn die Wetterfrösche recht hätten, dann käme eine globale Unwetterkatastrophe nie gekannten Ausmaßes auf die Menschheit zu, deren Folgen unabsehbar wären.

Und so kam es auch. In der Nacht zum heiligen Abend frischte der Wind deutlich auf. Am Morgen des heiligen Abends meldeten viele Länder bereits Orkanstärke. Regen peitschte über das Land und hielt die Menschen in ihren Häusern gefangen.

Andy Behringer versuchte sich in das Firmennetz einzuloggen, daran ins Geschäft zu fahren war heute nicht zu denken. Die Firma hatte ohnehin zu. Nachdem alle sozialen Kontakte zusammengebrochen waren bezog er seinen gesamten Selbstwert aus der Arbeit. Dies konnte er noch tun und hier wurde er gebraucht. Aus Sicht der Macht funktionierte er perfekt, wenngleich auch mit Abstrichen beim Konsum. Wichtig war aus Sicht der Macht nur, dass er arbeitete und seine im Prozess neu gewonnenen Erkenntnisse nicht verbreiten konnte. Dass Weihnachten war hatte für ihn immer schon eine untergeordnete Rolle gespielt. Deswegen nahm er das Fest nicht weiter wichtig.

Der Login wollte heute nicht glücken. Irgendetwas war mit seiner PPTP Verbindung. Er würde es einfach später noch einmal versuchen. Während es draußen immer ungemütlicher wurde und die Nachrichten mit Schreckensmeldungen sich überschlugen fiel der MyWeblife Server aus. Dies spielte für Andy keine Rolle mehr, konnte er in diesem Netz doch ohnehin niemanden erreichen. Er sah zwar, was seine Freunde posteten, aber alles was er tat schien irgendwie ins leere zu laufen. Während er gelangweilt vor dem Fernseher saß der immer neue Hiobsbotschaften meldete dachte er an Gina. Sie war die einzige, die immer zu ihm gehalten hatte und sich um ihn bemühte. Was sie jetzt wohl machte?

Noch ein Opfer

Die Suche auch Andy hatte Gina für die macht gefährlich werden lassen. Die Gefahr bestand, dass sie das Filtersystem ausfindig machen würde und damit an die Öffentlichkeit ginge. Dies führte dazu, dass auch sie kaltgestellt wurde. Momentan befand sie sich in Untersuchungshaft und gleich nach Weihnachten sollte ihr der Prozess gemacht werden.

Katastrophenstimmung

Die weltweite Situation hatte sich durch die Unwetter bedingt jedoch dramatisch verschlechtert. Kraftwerke mussten abgeschaltet werden, weil ungewöhnliche seismische Aktivitäten beobachtet wurden. Das Internet war wenn überhaupt nur eingeschränkt verfügbar. Auch dies sollte sich in den nächsten Stunden noch ändern.

Der Fernseher in Andys Wohnzimmer war mittlerweile auch ausgefallen. Die Beleuchtung hatte sich flackernd verabschiedet und so saß er jetzt im Dunkeln, als die Erde zu beben begann. In Windeseile schnappte er sich eine Regenjacke und flüchtete nach draußen. In der Stadt herrschten nur noch Chaos und Entsetzen – und nicht nur in dieser Stadt.

Da er nicht wusste, wo er zuerst hingehen sollte machte er sich auf die Suche nach Gina. Deren Nachbarn wussten aber nichts über sie. Sie konnten sich nicht einmal erinnern, wann sie Gina zuletzt gesehen hatten. Andy schwante Furchtbares. Möglicherweise würde die Macht Gina den Prozess machen. Während er dich durch das Chaos kämpfte bemerkte er, dass Andere ihn sehen konnten. Zufrieden stellte er fest, dass das Filtersystem durch die Katastrophe offenbar auch ausgefallen war. So schnell er konnte, begab er sich zum Gefängnis.

Nachdem er es erreicht hatte, wurde ihm jedoch schnell klar, dass er nicht hineinkommen würde. War er doch ein verurteilter Verbrecher, dem die Macht jeglichen Kontakt mit seinen Freunden untersagen würde. Ratlos stand er vor der Justizvollzugsanstalt.

Während er darüber nachsann, wie er die Mauern dieses Gefängnisses überwinden könnte, von dem er nicht einmal sicher wusste, ob Gina überhaupt dort gefangen gehalten würde legte sich der Sturm. Es war der Spätnachmittag des heiligen Abends. Üblicherweise begannen jetzt die Gottesdienste. Zuletzt hatte er als Kind an einem Weihnachtsgottesdienst teilgenommen. Seit seiner Jugend konnte er nichts mehr damit anfangen. Und auch in diesem Moment war es für ihn nicht so wichtig, wie die Frage, ob er Gina hier finden und gegebenenfalls befreien könnte.

Panik im Knast

Da kam ihm der Zufall zu Hilfe. Ein gewaltiger Blitz krachte in die Notstromversorgung des Gefängnisses. Strom war erforderlich, um die Türen der Haftanstalt elektronisch zu sichern und ihre Umgebung zu beleuchten. Der Stromausfall hatte zwar die Versorgung der Stadt zusammenbrechen lassen, doch die Gefängnisse waren mit doppelt redundanten Systemen ausgestattet, die allen bekannten Katastrophenszenarien widerstanden. Kurz danach sprangen die Türen des Gefängnisses auf. Die Wachmannschaft, die darauf nicht eingestellt war, versuchte die Ausgänge zu besetzen aber schon drängten die Gefangenen nach draußen. Die Generatorgebäude hatten Feuer gefangen. Die Flammen griffen schnell um sich. Aufgrund der Gefahr entschloss sich die Gefängnisleitung die Gefangenen nicht zu erschießen. Schließlich wusste niemand, welche weiteren Folgen die Katastrophe in der folgenden Zeit haben würde und ob es überhaupt eine Rolle spielte. Man hatte auch Angst später wegen eines Massakers vor dem internationalen Gerichtshof angeklagt zu werden.

Weihnachten

Andy stand am Eingang und versuchte in der Menge jemanden zu erkennen. Plötzlich stolperte jemand. Geistesgegenwärtig ergriff er die am Boden liegende Person und zog sie aus der Menge. Etwas abseits kümmerte er sich noch atemlos um die am Boden liegende Person. „Sind sie o.k?“ fragte er. „Danke es geht schon wieder“, hörte er Ginas Stimme sagen.

„Mensch Gina!, Toll dass ich Dich gefunden habe“ hörte er sich rufen. „Was für ein Zufall! Du hast sicher geglaubt ich bin tot, aber das was ich erlebt habe glaubt mir kein Mensch. Ich werde es Dir später erzählen. Jetzt müssen wir erstmal eine sichere, trockene Bleibe finden“

Plötzlich wurde es hell. Ein übernatürliches Licht überflutete den Platz:

Eine helle, weiße Gestalt, die sie noch nie gesehen hatten grüßte Sie:

„Fürchtet Euch nicht- Ich bringe Euch eine gute Nachricht. Die Macht der Mach ist gebrochen und Christus hat seine Herrschaft angetreten. Er kam an Weihnachten auf die Welt und herrscht nun über alle Mächte bis in alle Ewigkeit. Geht hinaus und verkündet es den anderen. Zuerst denen, die von der Macht ausgefiltert wurden. Fangt ein neues Leben an, das sich an Christus und seinem Vorbild orientiert. Und liebt euch und alle Menschen, die er euch über den Weg laufen lässt.“

Sturm, Erdbeben und Regen legten sich. Zurück blieb eine verwüstetes Land in dem sie neu anfangen sollten. Ob das geklappt hat? Und wie es weitergeht erfahrt Ihr vielleicht nächstes Jahr an Weihnachten.

Frohes Fest.

24.12.2011 Christian-Michael Kleinau

Quellen und Bedingungen:
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Auch die Ähnlichkeit real existierender Personen mit Charakteren der Geschichte ist weder direkt noch indirekt beabsichtigt. Die Charaktere sind frei erfunden. 
Die Erzählung darf unentgeltlich weitergegeben werden. Kommerzielle Verwendung, Veränderung und Aufführung nur mit Genehmigung des Autors. Es gilt das deutsche Urheberrecht.

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