Goldener Oktober (Eine Halloweengeschichte)

Laub in der HerbstsonneDer Ausflug

Das Jahr war schon weit fortgeschritten
und ein goldener Oktober lag fast hinter ihm. An diesem Wochenende hatte Hans einen Ausflug mit seiner Familie vor. Die Wirtschaftskrise hatte auch seine Familie mit voller Härte getroffen. In der Firma gab es nur Arbeit für drei Tage die Woche.

Neue Aufträge – Fehlanzeige. So hoffte er, sich bei einem Ausflug in die nähere Umgebung entspannen und für seine Familie da sein zu können.

Es war ein nebliger Oktobermorgen, als er aus dem Fenster schaute. Doch er räumte dem Tag gute Chancen ein, ein weiter goldener Oktobertag zu werden. Er machte sich auf den Weg zum Bäcker um Frühstücksbrötchen und Proviant für seine Lieben einzukaufen. Unterwegs ergab sich noch ein kleiner Schwatz mit Herrn
Peters, dessen Firma schon einen guten Schritt weiter am Abgrund war,
als sein Betrieb. Dort plante man bis Weihnachten 50 Prozent der Belegschaft abzubauen. Ach, wenn man doch nur nicht so abhängig vom Automobil wäre. Die Abwrackprämie hatte der heimischen Automobilindustrie nicht wirklich geholfen, dafür aber offenbart, dass man sich auch in der Politik keine Sorgen um die Zukunft mehr
machte. Das Geld schien in diesem Jahr besonders locker zu sitzen. In den Koalitionsverhandlungen schien es nach dem Motto „Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot“ zu gehen. Über die Lasten für die zukünftigen Generationen machte man sich keine Gedanken. Wenn die Wirtschaft wieder anspringen würde, dann – so glaubte  man jedenfalls – würde sich das Ganze schon von selbst
finanzieren. Herr Peters wusste jedenfalls nicht, ob er an Weihnachten noch Arbeit haben würde oder nicht. Gemessen daran ging es Hans sehr gut und er wurde dankbar. Immerhin konnte er absehen, dass die Kurzarbeit in seinem Betrieb zwar verlängert würde, Entlassungen waren aber nicht geplant. Einige Abteilungen hatten auch schon erste Zuwächse zu verzeichnen. Das gab ihm Hoffnung und Zuversicht.

Zuhause angekommen bereitete er den Kaffee zu und deckte den Tisch. Die gute Stimmung sollte sich jedoch bald eintrüben.

Das Frühstück

Die Wolke zog mit seiner Tochter Karin heran, die sich irgendwie unausgeschlafen auf den Frühstückstisch zubewegte und verkündete am Abend an einer Helloween Party
teilnehmen zu wollen. Deswegen könne sie nicht den ganzen Tag unterwegs sein, denn schließlich erfordere diese Veranstaltung einige Vorbereitung. Wenn er einen Ausflug machen wolle, dann dürfe es eben nicht so lange dauern. Helloween war ohnehin ein Reizwort für ihn. Diesen Krampf, der mit vielen anderen Segnungen als „Marketingag“ aus Amerika importiert wurde würde er lieber heute als morgen abschaffen. Wo heute kleine Kinder durch die Straßen ziehen, war es im Mittelalter üblich ebendieselben dem Totengott Samhain zu opfern. Das hatte nichts mit Streichen zu tun, sondern war
in einigen Familien damals tödlicher Ernst. Einige gute Verkäufer haben es jedoch geschafft, den tödlichen Ernst als ein wohliges Gruseln zu verkaufen. Eine ganze Industrie hat sich um den Anlass herum gebildet. Am Abend des 31. Oktober ziehen die jüngeren Kinder durch die Nachbarschaft und fordern Süßigkeiten ein. Die Älteren
treffen sich auf schaurig-schönen Helloween Partys. Nein, diesem Fest konnte er beim besten Willen nichts abgewinnen.

Hans fing an, sich aufzuregen, da allen lange bekannt war, dass man heute etwas als Familie unternehmen wollte. Andererseits wusste er, dass es keinen Wert hatte, Karin
umstimmen zu wollen. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte und nicht bereit war etwas andere mitzumachen konnte sie in eine harte Verweigerungshaltung fallen. Der Konflikt würde sich dadurch sehr schnell hochschaukeln. Um des lieben Friedens Willen erwiderte er zunächst nichts und knurrte nur in sich hinein.Nachdem sich die
Stimmung zunächst nur etwas eingetrübt hatte, ahnte Hans schon, dass das eigentliche Gewitter erst noch kommen würde. Noch während er sich mit dieser Vorahnung beschäftigte begann es auch schon in Gestalt seiner Frau Hermine heraufzuziehen.

Das Gewitter

Sie sagte kurz „Guten Morgen“, dann nahm die Familie am Frühstückstisch Platz. Hans berichtete von Karins Vorhaben abends an der Helloween Party teilzunehmen und dass
sie deswegen nur an einem verkürzten Ausflugsprogramm teilnehmen wolle. Er sei enttäuscht, dass dieser lange geplante Ausflug jetzt wegen so etwas zusammengestrichen werden sollte. Karin hielt ihm entgegen., dass er ja nur auf „heile Familie“ machen wolle und gar nicht mehr wisse, was gerade so abginge und womit sie zu kämpfen hätten. Der gemeinsame Ausflug sei doch ohnehin nur ein dünner Lack
auf einer rostigen Fläche. Auch seine freie Zeit in der Kurzarbeitsphase nutze er nicht um sich um die Familie zu kümmern. Stattdessen nehme er ehrenamtliche Arbeit an, die nichts einbringe und er wäre selbst an diesen freien Tagen komplett ausgebucht.
Letzte Woche beispielsweise habe er geholfen die alten Ziegel der Kirche zu putzen anstelle sich um das undichte Dach seines eigenen Hauses zu kümmern.

Auch die Chance am Familienleben teilzunehmen habe er nicht nutzen wollen. Deswegen wisse er nicht, was sie beschäftige und mit welchen Schwierigkeiten Karin und sie zu kämpfen hätten. Außerdem wollte sie von ihm wissen, womit man den
Ausflug denn bezahlen wolle. Sie habe keine Lust nur irgendwo in der
Gegend herumzuwandern, weil man sich keine Eintritte leisten könne.
Karin und sie hätten eigentlich das Bedürfnis mal wieder einen schönen Stadtbummel in Stuttgart oder Heilbronn zu machen. Aber das Geld reiche ja nie und mit der Kurzarbeit wäre es noch schlimmer geworden. Sie verstehe nicht, warum er sich keine neue Stelle suche, sondern an seinem Arbeitgeber festhalte, der ihn ohnehin nur ausnutze.

In letzter Zeit war es dort nämlich vorgekommen, dass die Angestellten zwar offiziell in Kurzarbeit waren, aber die volle Zeit bleiben mussten. Hierzu stempelte man einfach nach Ablauf der Kurzarbeitsstunden aus und arbeitete dann weiter oder man musste in der Firma antreten, obwohl man eigentlich wegen Kurzarbeit freigestellt war. Hermine regte sich darüber auf, dass er sich so leicht zum Betrug verführen ließ, wenngleich sie
auch nicht wusste was er sonst machen sollte. Wenn er sich weigerte würde er wahrscheinlich gefeuert und das würde die finanzielle Situation der Familie nur noch weiter verschlimmern. Andererseits wäre es eine Chance reinen Tisch zu machen und mit gutem Gewissen an einer anderen Stelle anzufangen.

„Deine Tochter hat so wenig Lust wie ich irgendwo in der Natur herumzulatschen. Das Kind möchte auch mal raus und jetzt wo Michael sie zu der Party eingeladen hat, ist es
doch klar, dass Sie da hingeht. Wir brauchen nicht auf ‚heile Familie‘ zu machen, wo wir doch genau merken, dass alles auseinanderläuft“

Das hatte gesessen. Hans war klar, dass der Ausflug so gut wie gestrichen war. In dieser Stimmung hatte auch er keine Lust, mit den beiden längere Zeit zu verbringen. Hermine würden noch tausend andere Dinge einfallen, mit denen sie ihn die ganze Zeit über bearbeiten würde. Nein, diesen Ausflug konnte man streichen. Er war komplett sprachlos geworden, aber auf der anderen Seite war auch klar, dass er das nicht auf sich beruhen lassen konnte. Nachgeben wollte er nicht. Er merkte, dass die beiden ihn im Grunde verachteten, weil er es nicht fertigbrachte seiner Familie ein sorgenfreies Leben zu bieten.

„Was soll ich denn machen?“ sagte er. „Du kannst ja in die Zeitung schauen. Gerade mal 1 ½ Seiten Stellenanzeigen und nichts in meinem Beruf. Auf’s Arbeitsamt brauche ich nicht zu gehen, die kümmern sich um die, die ihren Job schon verloren haben und das sind mehr als genug! Wir können froh sein, dass ich die Stelle noch habe. Klar läuft einiges falsch und jeder in der Firma will lieber heute als morgen gehen. Aber so einfach ist das eben nicht. Vor allem dann nicht, wenn die liebe Familie keine
Handbreit ihrer Ansprüche aufgeben möchte. Im Gegenteil: Frau will immer mehr!

„Es geht ja gar nicht darum, dass es wenige Stellen gibt, das Problem ist, dass du nicht in die Gänge kommst!“ konterte Hermine.“In Wirklichkeit hängst du doch an der Firma und klammerst Dich ans sinkende Schiff! Erst wenn es abgesoffen ist wachst du auf und stellst fest, dass du auch am Absaufen bist. Wenn du deine Verantwortung für die Familie wahrnehmen würdest, dann würdest du dich ernsthaft umsehen und Bewerbungen schreiben, die Aussicht auf Erfolg haben.“

„Wenn du nicht zurückstecken willst, dann geh doch selber arbeiten. Du wirst schnell merken wie schwierig es in diesen Zeiten ist überhaupt etwas zu finden, das dann auch
noch anständig bezahlt ist“ hielt Hans ihr entgegen.

Der Streit eskalierte noch ein wenig und endete damit, dass alle drei das Frühstück schweigend zu Ende aßen. Hermine räumte den Tisch ab und begann mit der Hausarbeit wie jeden Samstag. Den Ausflug noch zu machen hatten alle drei längst
aufgegeben. Und wer weiß, vielleicht war es besser so.

Einkaufen in der Stadt

Hans ging unterdessen in die Stadt, um Besorgungen zu machen, aber auch um den Kopf frei zu bekommen. Was da abgegangen war, konnte er einfach nicht begreifen. Klar war nur, dass die Familie in ihren Grundfesten erschüttert war. Und klar war auch,
dass er keine Ahnung hatte, was er dagegen unternehmen sollte. Hans dämmerte, dass auch ein neuer Job in ruhigerem Fahrwasser nicht automatisch die Lösung seiner Probleme wäre. Was also tun? Er ließ sich Zeit mit seinen Einkäufen – viel war es ohnehin nicht und sah sich die Schaufenster an, die mit Geistern und Kürbissen nur so
gespickt waren. An jeder Ecke fand sich der Gruß „Happy Halloween!“ und  Hans stellte sich die Frage, was an so einem Tag und vor allem an so einem Fest glücklich machen sollte.

Der Fremde

Es war irgendwann am frühen Nachmittag, als Hans über den Markt schlenderte und an einer Würstchenbude vorbeikam. Erst jetzt bemerkte er seinen knurrenden Magen und beschloss, sein Lieblingsessen eine Currywurst zu kaufen. Während er die köstliche Currywurst verzehrte kam ein weiterer Mann an seinen Tisch. Er hatte ihn noch nie gesehen, aber der Fremde begann unvermittelt Hans in ein Gespräch zu verwickeln. „Na, wie geht es Dir. Du siehst nicht gerade glücklich aus“ begann der Fremde die Unterhaltung. Hans war befremdet, denn aus welchem Grund sollte er einem Wildfremden etwas über seine Befindlichkeit erzählen? Insgeheim war er jedoch froh, dass sich jemand für ihn interessierte. Er musterte den Fremden. Besonders vertrauenerweckend sah er nicht aus. Eher wie jemand, der zwischen Obdachlosigkeit und Hartz IV einzustufen wäre. Der Fremde trug eine speckige Lederjacke
und eine braune Cordhose. Dazu abgestoßene Halbschuhe. Unter der offenen Jacke war ein Holzfällerhemd zu erkennen. Insgesamt wirkte er nicht ganz verwahrlost, also vielleicht doch nicht wie ein Obdachloser. Jedenfalls roch er nicht. Irgendetwas war an dem Mann, das ihn interessant machte. Er sah den Fremden an und traf auf interessierte, offene blaue Augen die ihn mitleidig und liebevoll zugleich ansahen. So einen Blick hatte er noch nie gesehen. „Eigentlich geht es Dich ja nichts an …“, begann Hans zu erzählen, „und ich weiß auch nicht, ob es gut ist, wenn ich dir erzähle, was heute morgen passiert ist, andererseits bin ich völlig am Ende und weiß auch nicht wie es weitergehen soll“ Und Hans erzählte, was sich beim Frühstück zugetragen hatte… . Sein Gegenüber hörte ihm aufmerksam zu. Während der ganzen Geschichte
sagte er nichts.  Als Hans ausgeredet hatte fragte er ihn, wie es der Firma seiner Meinung nach gehe, ob es wirklich so sei, dass er an der Firma hänge und gar nicht ernsthaft nach einer Alternative Ausschau halte und vieles mehr.  Hans antwortete ihm bereitwillig. Es begann ein längeres fast freundschaftliches Gespräch. Hans war erstaunt, wie tief er den Fremden in sich eindringen ließ und wie gut dieser
ihn verstand. Schon in den ersten Minuten kam es ihm vor, als habe er einen alten Freund wieder getroffen. Er würde aber heute noch schwören, diesen Mann noch nie vorher gesehen zu haben. Obwohl der Fremde manches nachfragte. Die Argumente von Hermine und Hans aufnahm, so nahm er doch keine Partei ein. Vielleicht war ihm klar, dass es in solchen Situationen immer nur Verlierer gab?

Die Nachfragen des Fremden drehten sich jetzt mehr um Hans. Wie es ihm damit gehe, dass der Ausflug ausgefallen sei und seine Familie ihm klargemacht habe, dass sie
uneins sei? Ob er sich selbst als Versager fühle? Dies konnte Hans bejahen. Natürlich machte es ihm etwas aus bei der Kurzarbeit in der Firma zu betrügen und auch noch um seinen Lohn gebracht zu werden. Und er fühlte sich minderwertig weil er sich nicht traute etwas dagegen zu unternehmen. Er wurde neidisch, wenn andere zur Arbeit
gehen konnten und er daheim bleiben musste. All das hatte ihm in der Vergangenheit zugesetzt und Hermine hatte es heute morgen auf den Punkt gebracht. Wenn es also darum ging, sich als Versager zu fühlen, dann hatte er allen Grund dazu. Vielleicht hasste er sich einfach – selbst.

Die Antwort

Die Fragen des Fremden hatten aber noch eine weitere seltsame Wirkung auf Hans.  Mit jeder Antwort, die er ihm gab, schien so etwas wie eine andere Sicht der Dinge aufzublitzen. Zunächst hatte er es kaum wahrgenommen, aber plötzlich war er an
einem Punkt, wo er tief beschämt darüber war, wie er seine Leistungen gegen die von Hermine aufrechnete. Er merkte, dass die Ansprüche, die sie zu erfüllen versuchte im Grunde seine eigenen Forderungen an ein intaktes Zuhause waren. Diese Sicht war ihm völlig neu. Und noch etwas weiteres passierte während des Gesprächs. Er
fühlte sich so tief angenommen und verstanden, wie er es sich von seiner Frau und seiner Familie immer gewünscht hatte. Es kehrte so etwas wie Frieden in sein Herz ein.

Noch während er sich dieser Gedanken und Gefühle bewusst wurde bemerkte er, dass der Fremde, dem er sich anvertraut hatte verschwunden war. Er versuchte noch ihn irgendwo auszumachen, aber es war zwecklos.

Er wusste jetzt, was er zu tun hatte und begab sich auf den Heimweg. Der Nebel hatte sich gehoben, und es war ein schöner, warmer goldener Oktobertag.

Diese Geschichte als MP3: Goldener Oktober gelesen von Christian-Michael Kleinau (7MB)

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