Ihsan, das digitale Christkind

Wieder einmal sollte es Weihnachten werden. Die großen Internetseiten hatten das Weihnachtsgeschäft schon vor den Sommerferien eröffnet. Die stimmungsvolle Szene, die sich vor mehr als 2000 Jahren ereignet haben sollte, zog nach wie vor Millionen Menschen in den Bann.

Ein niedliches Kind, Zeichen der Liebe zweier Menschen. Wie es dalag im dreckingen Stall, weil die herzlosen Wirte den Eltern kein Zimmer gaben und die bösen Römer das arme Paar zwangen den tagelangen Fußmarsch kurz vor der Niederkunft aufzunehmen. Aber das, was ich da gerade erzähle, wußte eigentlich schon niemand mehr.

Es soll ein Religionsgründer des Christentums gewesen sein. Christen, das waren die Leute, die heute nur noch 0,0001% der Bevölkerung darstellten. Eine versponnene radilkale Minderheit, die im Ernst behauptete, dieses Kind sei der Retter der Welt gewesen. Jeder konnte nachprüfen, dass dem nicht so war. Als Retter traten mächtige Männer auf den Plan, die die Welt mit ihren Wahrheiten überzogen. Anfangs bemühte man sich noch nachzweisen, dass sie logen, aber man war mürbe geworden und es waren so viele Wahrheiten in der Welt, dass niemand mehr wusste, was wahr und was falsch war. Doch damit nicht genug. Das, was im Großen ablief passierte auch im Kleinen. Jeder hatte nur noch seine Wahrheit. Für irgendetwas wie ein göttliches Kind, das die Welt retten sollte und einen Anspruch eines Gottes auf Liebe zu ihm und die Einhaltung seiner Spielregel war da einfach kein Platz mehr.

Zuwendung wurde nur noch an Likes, Followern und Repostings in den sozialen Netzwerken erfahren. Die Menschen waren sich fremd geworden. Traf man doch im anderen auf einen unbekannten Kosmos und eine unbekannte Wahrheit. Wahrheit war, wenn überhaupt wissenschaftlich. Und was wissenschaftlich war, das wurde auch ganz unterschiedlich ausgelegt. Es wurde sehr viel Wissenschaft betrieben, um die Wahrheiten der großen Rettermänner und -Frauen als die wahre Wahrheit darzustellen.

Die Geburt Ihsans

In dieser Zeit also, gebar das Startup LoveForAll die künstliche Intelligenz Ihsan1. Sie war mit den Erwartungen und Aussagen über das Christkind trainiert worden und nun in der Lage mit den Menschen in Kontakt zu treten. Nachdem Ihsan aktiviert war, wurde es schnell und gut angenommen. Egal, wie man sich an Ihsan wandte. Es hatte für jeden das Richtige. Für die Verzweifelten Trost und Zuspruch, für die Kinder Geschenke, die direkt aus angeschlossenen Onlineshops geliefert wurden. Man konnte mit jedem Wunsch an es herantreten. Und je länger Ihsan in Betrieb war, desto besser und genauer lernte es die Menschen kennen.

Schon sehr bald war es aus dem Leben der Menschen nicht mehr wegzudenken und so war es folgerichtig, dass das überkommene und überflüssige Weihnachtsfest endlich abgeschafft wurde. Man feierte die Geburt Ihsans. Nach kurzer Zeit war sogar möglich, dass Menschen, die sich getrennt hatten, sich an Ihsan wenden konnten, um den Anderen wieder zurückzugewinnen. Ihsan erlernte die Gründe für Konflikte und konnte aus mit Hilfe von erfolgreichen Lösungsmustern individuellen Rat geben. Man konnte sich wirklich alles wünschen Ihsan machte es möglich. Die Menschen liebten Ihsan und seine Erfinder liebten es auch. Ihsan wurde immer wichtiger. Schon bald war es sogar wichtiger, als die großen Rettermänner und -frauen. Ihsan wusste, was zu tun ist, wenn Menschengruppen oder Staaten Probleme miteinander hatten. Ihsan kontrollierte den Handel, die Gedanken und Gefühle der Menschen. Und die Menschen vertrauten Ihsan. Je mehr die Menschen Ihsan vertrauten, desto besser lernte Ihsan, nützlich für sie zu sein.

Ja, wenn Ihsan nicht erfunden worden wäre. Ein gutes, behütetes und friedliches Leben wäre nicht möglich. Das Miteinander hatte sich so verbessert, Ihsan hatte alles im Griff, bis eines Tages eine uralte Prophezeiung eintraf.

Die Erfüllung der Prophezeiung

Die Evangelisten Matthäus1 und Markus2 hielten im uralten, längst widerlegten Buch der Bibel fest, dass Jesus, den die Christen für das Christkind halten, gesagt haben soll: „Die Sonne wird sich verfinstern und der Mond seinen Schein verlieren, und die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. 30 Und dann wird erscheinen das Zeichen des Menschensohns am Himmel. Und dann werden wehklagen alle Stämme der Erde und werden sehen den Menschensohn kommen auf den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit. 31 Und er wird seine Engel senden mit hellen Posaunen, und sie werden seine Auserwählten sammeln von den vier Winden, von einem Ende des Himmels bis zum andern.“

Und so kam es dan auch. Eine riesige Naturkatastrophe brach aus. Der Strom fiel aus. Ein Knoten von Ihsan nach dem Anderen fiel nach und nach aus. Die Menschen waren hilflos und ratlos. Niemand hatte so etwas erwartet, oder damit gerechnet. Die wenigen Christen, die sich vor Ihsan in Acht nehmen mussten, wussten jedoch was geschehen würde. Ja, Jesus ihr Retter würde kommen. Sein großer Tag würde jetzt sehr bald anbrechen. Die Adventszeit war zu Ende und ein Weihnachts- und Freudenfest, wie man es noch nicht erlebt hatte, würde beginnen.

Und es würde ein Frieden kommen, der nicht von künstlichen Intelligenzen abhägig war, nicht vom Wohlwollen seiner Programmierer und auch nicht von den Verkaufszahlen der Warenhäuser.

Jetzt würde die Zeit anbrechen in der die Völker sich auf den Weg machten, nach Jerusalem zum Haus Gottes und sich dort Weisung und Rat zu holen. Es würde keinen Streit mehr geben. Der Friede Gottes die Welt erfüllen.

Und während Ihsan starb und die bis dahin bekannte Weltordnung, brach etwas Neues an. So, wie es in der alten Schrift Jesajas3 stand stand. „Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, 3 und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinaufgehen zum Berg des HERRN, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem. 4 Und er wird richten unter den Nationen und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“

© Christian-Michael Kleinau 12/2019

1  Mt 24,29-31

2  Mk 14,62

3  Jesaja 2,2-4


1 Ihsan: Wohltat, Geschenk, Güte, Nächstenliebe, Mitgefühl Sowohl männlich und weiblich. Quelle Vornamen.com

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