Wird es nochmal Weihnachten?

Wird es nochmal Weihnachten?

Deutschland 2016. Die Welt war an allen Ecken und Enden im Aufruhr. Unter anderem wurden Religionen dafür verantwortlich gemacht. In der Vergangenheit hat dies Interessengruppen erstarken lassen, die sich für eine Abschaffung des Weihnachtsfestes einsetzten. Es begab sich aber im Jahre 2010, dass ein Gebot von der konföderativen Weltregierung ausging, das Weihnachtsfest abzuschaffen. Nichts sollte mehr an dieses christliche Fest erinnern. Seine Symbole sollten verschwinden. Am Jahresende sollte stattdessen ein Liebesfest stattfinden, denn als es Weihnachten noch gab, war die Zeit um dieses Fest herum die Zeit des höchsten Konsums. Dieses Geschäft sollte unbedingt erhalten bleiben.
Im darauffolgenden Jahr bot die konföderative Weltregierung den Kirchen und Religionsgemeinschaften einen Sozial Kooperationsvertrag an. Sie sollten zusätzliche Mittel erhalten, wenn sie Teile der staatlichen Sozialarbeit übernehmen würden. Der einzige Wermutstropfen: Die sonntäglichen Gottesdienste müssten eingestellt werden. Aber es ging ja ohnehin kaum mehr jemand hin. Und so ließen sich die großen Kirchen darauf ein.
Schon 2012 beschlossen die Kirchen im Vertrag von Rom einen Zusammenschluss, um die Kräfte bei ihren sozialen Aufgaben besser bündeln zu können. Damit wurde auch die von ihrem Religionsgründer, einem sog. Jesus, gewünschte Einheit endlich hergestellt. Statt der Gottesdienste fanden Sozial- und Umweltgruppen statt. Meditationsabende der Liebe wurden für die eingerichtet, die ein spirituelles Angebot suchten.
Das Konzept der Regierung war ein voller Erfolg. Das Fest der Liebe wurde weltweit zum beliebtesten Fest. Menschen beschenkten sich und besuchten sich. Familien trafen sich. Niemand wollte einsam sein. Alle feierten die Liebe mit Abermillionen von Lichtern. Schließlich findet das Fest für die Europäer in der dunkelsten Jahreszeit statt.
Die Geschenkeindustrie, aber auch der übrige Handel hatten dieses Motto aufgegriffen und versorgte die Welt mit immer neuen Ideen, was zum Fest der Liebe alles gekauft oder unternommen werden könnte. Dies führte dazu, dass die Umsätze zum Fest der Liebe in diesem Jahr auf ein Allzeit Rekordniveau gestiegen waren. Nur die Wenigsten hatten noch eine Erinnerung an das ursprüngliche Ereignis und von dieser Erinnerung durften sie nichts erzählen, wenn sie in Freiheit bleiben wollten. Und so nahm in diesem Jahr auch Anna Petermann aus Zwiebelhausen wieder die Mühen des Konsumtrubels und Einkaufsmarathons auf sich, damit alle ihre Lieben die notwendigen und üblichen Liebesbeweise erhalten konnten. Nachmittags arbeitete sie stundenweise als Putzfrau.

Auf dem Dachboden

Derweil stöberte Peter, ihr zehnjähriger Sohn, zusammen mit seinem besten Freund Jonas, der schon in die fünfte Klasse ging, auf dem Dachboden herum. Jetzt, wo es draußen kalt war, zogen sie nicht mehr so oft durch die nahe Bachaue mit dem kleinen Wald. Dies alles war jetzt tief verschneit und sie konnten sie dort nicht mehr auf ihren Lieblingsbaum klettern, auf dem sie sich schon ein wenig häuslich eingerichtet hatten.
Hier, auf dem Dachboden gab es immer etwas zu entdecken. Und so war es auch diesmal. In einer alten, schon sehr mitgenommenen Pappschachtel, fanden sie ein Karussell, das aussah, wie die Lichter-Liebespyramiden, die um diese Jahreszeit in einigen Geschäften verkauft wurden. Aber diese sah anders aus. Auf der untersten Etage befand sich eine Schafherde mit Hirten. Alle waren in Bewegung. Vor allem, wenn sich das Karussell drehte, würde dies lustig aussehen. Auf der nächsten, etwas kleineren Ebene waren ein Mann und eine Frau zu sehen. Zusammen mit einem Esel. Sie schienen auf der Wanderschaft zu sein, denn auch sie waren in Bewegung dargestellt. Um sie herum befanden sich Bäume und Felder.
Auf der dritten Ebene waren drei Männer zu sehen. Sie waren mit Kamelen unterwegs. Alle hielten etwas in ihren Händen. Auch sie schienen nicht angekommen, sondern ebenfalls auf der Reise zu sein.
Auf der vierten Ebene stand eine Scheune mit einer Futterkrippe. Auch hier war ein Esel dargestellt und eine Kuh. Sonst war da niemand.
Über allem war ein Komet angebracht, der sich ebenfalls mitbewegen würde. Allerdings gab es ein Problem. Das Karussell war kaputt.
Die Jungs wollten es unbedingt wieder in Gang bekommen, und nahmen es zunächst mit nach unten in Peters Zimmer. Dort sichteten sie die Schäden. Die unterste Scheibe schliff auf dem Boden des Gestells. Von den Bäumen des Waldes waren einige abgebrochen. Die Achse selbst war angerostet, so dass sie sich nicht mehr reibungslos drehte.
Einige der Flügel waren abgebrochen.
Sie wussten nicht genau, wie sie die Reparatur angehen sollten und warteten, bis Peters Vater Johannes aus der Fabrik kommen würde. Sein Papa konnte hier bestimmt helfen. Aber als sie ihm die Pyramide zeigten, sagte er, dass sie diese sofort wieder auf den Dachboden bringen sollten. Es hätte etwas mit Gott zu tun und Gott wäre doch längst überholt. Die Pyramide gehörte ursprünglich Annas Vater und nach dem Tod des Opas wanderte sie zu den Petermanns.

Umzug ins Gartenhaus

Mit der Hilfe der Eltern konnten sie also nicht rechnen. Außerdem konnten sie die Reparatur nicht hier im Haus durchführen. Peter schlug vor, Friederike zu fragen, ob sie es bei ihr machen könnten. Peter und Friederike gingen in die gleiche Klasse und kannten sich schon aus Kindergartenzeiten. Gleich am nächsten Morgen erzählte Peter Friederike in der großen Pause von seinem Fund. Auch Fred war dabei. Er wollte unbedingt mithelfen, das seltsame Karussell zu reparieren. Friederike meinte, dass sie sich bei ihnen im Gartenhaus treffen könnten. dort wäre man im Winter ungestört. Alle waren gespannt auf das Geheimnis, das offenbar hinter diesem harmlosen Karussell steckte.
Sie trafen sich gleich nach dem Mittagessen im Gartenhaus. Peter konnte die Pyramide problemlos mitnehmen, da bei ihm niemand zu Hause war. Friederike hatte den Gartenhausschlüssel organisiert. Fred und Jonas waren auch zur Stelle.
Sie begannen das Karussell vorsichtig auseinander zu nehmen. Es ging eigentlich sehr leicht, da der Rahmen des Gestells sich im Lauf der Zeit gelockert hatte. Als sie die untere Scheibe von unten sahen entdeckten Sie einen Schriftzug: LK2,14 – Was konnte das bedeuten? War es eine geheime Botschaft?
Auf der zweiten Scheibe stand LK2,4 und auf der dritten MT2,1-2. Was waren das für seltsame Abkürzungen? Die Kinder hatten so etwas noch nie gesehen. Und was hatte Peters Vater mit dem überholten Gott gemeint? Einen Gott kannten sie ja. Es war der Fußballgott. Überall war von ihm die Rede. Peter wollte seinen Trainer gleich morgen beim Training danach fragen.
Aber mit der Antwort des Trainers konnte er nichts anfangen. „Der Fußballgott sendet keine Botschaften. Er gibt uns lediglich Glück oder Pech im Spiel. Wenn wir gewinnen, dann meint es der Fußballgott gut mit uns. Ansonsten haben wir halt Pech. Aber mit einem Karussell hat der Fußballgott nichts zu tun. Allenfalls mit dem Transferkarusell.“

Wintermarkt in Zwiebelhausen

Am vierten Dezembersonntag war Wintermarkt in Zwiebelhausen. Alles, was zum Fest der Liebe nötig war, war jetzt hier erhältlich. Es gab auch einen Stand mit den Liebespyramiden. Die Kinder brachten einen der abgebrochenen Flügel dorthin. Der Verkäufer, Gotthilf von Saksen, war ein alter Mann. Er war überrascht, als die Kinder ihm den Flügel zeigten. „Das muss aber schon von einer sehr alten Pyramide sein“, sagte er. Die darf man ja heute gar nicht mehr besitzen.“ „Mein Vater hat auch gesagt, ich soll das alte Ding wieder auf den Dachboden bringen“, ergänzte Peter. „Wir wollen aber so gerne, sehen, wie sie wieder läuft“, antworteten die Kinder. „Es sind auch Abkürzungen auf den Scheiben und wir wissen nicht, was sie bedeuten. “ Fred meint, es könnte etwas mit dem alten Fest „Weihnachten“ zu tun haben, das früher gefeiert wurde. Wissen Sie etwas darüber?
„Ja klar, ich komme ja schon seit Jahrzehnten hierher und verkaufe meine Liebespyramiden. Früher hießen sie Weihnachtspyramiden. Aber ich habe mir nie viel daraus gemacht. Die Menschen wollten immer nur die Stimmung und die Lichter. Die Geschichte von Weihnachten steht in einem alten Buch, der Bibel. Aber ich habe keines. Weihnachten oder nicht. Im Dezember ist halt Lichter- und Dekostimmung angesagt. Nun aber zu eurer Pyramide. Ich habe keine einzelnen Flügel, schon gar nicht solche. Aber ich kann welche besorgen. Ich würde sie auch gerne sehen. Nur, wie kommen die zu Euch?“
Friederike sagte: „Wir reparieren die Pyramide in unserem Gartenhaus. Wir könnten uns nächsten Samstag dort treffen“. „Nächsten Samstag, kurz vor dem Fest der Liebe? Ja, das geht, dann ist die Liebesmarktsaison vorüber. – Hmmm. Das war früher der heilige Abend. Da soll Weihnachten gewesen sein.“ antwortete Gotthilf.
Aufgeregt verließen die Kinder den Markt. „Bald wird unsere Pyramide laufen. Ich bin schon so gespannt“ sagte Friederike. „Fred sagte: „Wir sollten etwas über dieses Buch herausfinden, das er erwähnt hat. Wie hieß das gleich nochmal?“ „Bibel“ gab Jonas zur Antwort.
Fred tippte es in sein Handy ein, aber „Froogle“ fand nichts darüber heraus. „Null Treffer, das gibt es doch gar nicht!“ rief Fred aus. „Froogle weiß doch sonst auch alles.“ Aber alle Hinweise auf Bibel oder ähnliches waren aus dem System entfernt worden. Auch das Eingeben der Abkürzungen brachte sie nicht weiter.
Es schien, als hätte der Erbauer der Pyramide etwas davon gewusst, dass man die Botschaft einmal verstecken müsste.
In der nächsten Woche versuchten die Kinder etwas über die Bibel herauszufinden. Sie schauten auf den Dachböden, fragten auch ihre Lehrer bei der Winterfeier der Schule. Aber niemand schien eine Ahnung von dem Buch zu haben.

In der Kirche

Am Donnerstag vor dem heiligen Abend hatte Fred noch eine Idee: „Könnte es etwas mit der Kirche zu tun haben?“ „Die ist doch schon seit Jahren zu“, sagte Jonas. „Da kommen wir doch gar nicht rein. “ „Doch! rief Peter“ Ich kenne den Sozialarbeiter, der den Schlüssel hat. Komm, wir gehen gleich hin.“ Die Kinder machten sich gleich nach dem Mittagessen auf den Weg. Andreas Fürchtegott, der ehemalige Pfarrer, war überrascht. „Was wollt ihr denn in der Kirche?“ „Wir wollen sie uns ansehen. Und etwas suchen“, riefen die Kinder durcheinander. Na gut, sagte Andreas. Ich komme mit, aber ihr dürft nicht enttäuscht sein, es ist alles leer.“ Als sie die Kirchentüre öffneten kam ihnen ein modriger, eisiger Schauer entgegen. In der Kirche herrschte eisige Stille. Für einen Moment hatte es den Kindern die Sprache verschlagen. Es war eine Halle, in der verstaubte Bänke standen. Im vorderen Bereich war ein Stein und ein großer steinerner Tisch. Rechts ging es eine steile Treppe hinauf zu einem Rednerpult. Die Wände waren mit Gipsornamenten und zahlreichen Bildern bemalt. Es sah nicht so aus, als würden sie hier Hinweise finden.
Fred hatte sein Handy gezückt und fing an, in der Kirche zu fotografieren. Er stieß auf eine Reihe von Personenbildern unter denen Namen standen. Matthäus, Markus, Lukas, Johannes, Petrus, Jakobus und so weiter. Die Kinder schauten sich in der Kirche um. Was ist das für eine Türe? fragten sie, als sie vor der Sakristei standen. „Das ist die Sakristei“, sagte Andreas. „Hier wurden früher die Gottesdienste vorbereitet.“ „Können wir die mal sehen?“ fragte Friederike. „Ja klar“, Andreas schloss die Türe auf. Auch hier war alles kalt und staubig. Die Kinder öffneten die Türen der Schränke und schauten hinein. „Hier hängen lauter bunte Decken!“ rief Peter. Andreas erklärte ihnen, dass diese so genannten Paramente früher am Altar aufgehängt waren. Jonas stieß auf einen goldenen Becher und ein silbernes Kästchen. „Das ist aber schön!“ rief er aus. Andreas erklärte ihm, dass dies das Abendmahlsgeschirr sei. „So schönes Geschirr habt ihr in der Kirche“ stellte Friederike fest. „Schade, dass es nicht mehr genutzt wird“. Fred öffnete einen weiteren Schrank. „Hier sind Bücher!“, rief er. Schnell holten die Kinder die Bücher heraus und legten sie auf den kleinen Tisch in der Mitte der Sakristei. Es waren vor allem grüne und rote Gottesdienstbücher aus vielen Jahren. Und ein Buch mit Predigttexten. Ganz unten im Stapel fanden sie dann aber ein besonderes Buch: „Die heilige Schrift“. Andreas erschrak: „Die dürfte hier gar nicht mehr sein“. Sagte er. „Was ist damit?“, fragte Jonas. Das ist die Bibel. Die ist mittlerweile verboten. „Aber danach haben wir gesucht. Wahrscheinlich können wir damit die geheimen Botschaften entschlüsseln, die wir bekommen haben.“ Sagte Fred.
„Geheime Botschaften?“ fragte Andreas. „Ja hier. Wir haben einen Zettel dabei.“ Fred zeigte ihm den Zettel.
LK2,14 Andreas wusste, was das zu bedeuten hatte: „Lukas 2. Kapitel Vers 14“ sagte er. „Es ist ein Vers aus einem Buch in der Bibel. Was hast Du noch?“
LK2,4 „Das ist aus dem gleichen Buch, aber weiter vorne.“
Mt2,1-2 „Mt bedeutet Matthäus. Es ist das zweite Kapitel, Vers eins und zwei.
„Die Bibel ist ein Sammelband verschiedener Bücher“, erklärte Andreas
Also schlagen wir auf: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“ Dies sagen die Engel zu Hirten auf einem Feld bei Bethlehem. Sie verkünden die Geburt von Jesus.
„Engel?“, fragte Friederike nach, „die Liebesengel, die es überall auf den Wintermärkten gibt?“ „Nein, so können wir uns das wohl nicht vorstellen“ sagte Andreas. „Der Engel könnte wie ein normaler Mensch ausgesehen haben. Er sollte den Hirten ja die Furcht nehmen. Aber die himmlischen Heerscharen, die das Lob aufgerufen haben waren sicher beeindruckend.“
Und Lukas 2,4: „Da machte sich auch Josef aus Galiläa auf, aus der Stadt Nazareth, nach Judäa zur Stadt Davids, die Bethlehem heißt, weil er vom Haus und Geschlecht Davids war.“ „Josef?“ fragte Jonas, „Wieso machte er sich auf den Weg?“ Andreas erklärte: „Die Weihnachtsgeschichte fing mit einer Volkszählung an. Alle mussten sich an ihrem Geburtsort in Steuerlisten eintragen lassen. Das hatte der Kaiser angeordnet. Auch Josef, mit seiner schwangeren Verlobten Maria.“
„Und was steht in Matthäus?“ fragte Fred. „Als Jesus in Bethlehem in Judäa geboren war, zur Zeit des Königs Herodes, sieh, da kamen Weise aus dem Osten nach Jerusalem und sagten: „Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Osten und sind gekommen um ihn anzubeten.“
„Deswegen der Komet oben auf unserer Pyramide!“ rief Jonas aus. Das ist der Stern, dem die Weisen folgten.“ „Und deswegen sind auch alle in Bewegung“ sagte Friederike. „Ja das passt” stellte Fred fest. Das Karussell erzählt eine Geschichte von Leuten, die sich auf den Weg machten, um etwas ganz Besonderes zu erleben.“

Die Reparatur

„Jetzt müssen wir es nur noch in Gang bringen“ meinte Peter. Hoffentlich hat Gotthilf die Flügel bekommen.
„Da wäre ich dann aber gerne dabei“ stellte Andreas fest. „Ja, Du kannst auch mitkommen. Wir treffen uns morgen in unserem Gartenhaus. Können wir die Bibel mitnehmen?“ sagte Friederike. „Du brauchst sie ja nicht. „Aber mitgeben kann ich sie euch nicht. Das ist verboten.“ sagte Andreas. „Dann fotografiere ich die Seiten mit der Geschichte ab.“ sagte Fred. Andreas wollte noch abwehren, aber Fred war schnell. Schon hatte er auf den Auslöser gedrückt und die Matthäusstelle fotografiert und war dabei Lukas aufzuschlagen.“ An diesem Nachmittag hatten sie schon einen guten Teil des Rätsels gelöst. Jetzt warteten alle auf Gotthilf. Der kam pünktlich zum Gartenhaus. Er hatte auch ein wenig Werkzeug mitgebracht, Schleifpapier, Bohrer, Leim und die neuen Flügel. Friederike hatte Kerzen mitgebracht. Vorsichtig begann Gotthilf den Mechanismus zu zerlegen, die Achse zu entrosten und einzuölen. Dann wurden die Flügel in den oberen Kranz eingesetzt. Dabei kam der Bohrer zum Einsatz. Es wurde schon dunkel, als sie das ganze wieder zusammensetzten.
Sie stellten die Kerzen in die Kerzenständer und zündeten sie an. Die Pyramide begann sich zu drehen. Die Kinder staunten. Doch dabei blieb es nicht. Mit jeder Umdrehung der Pyramide begann es draußen etwas lauter zu werden. Es war wie ein Gemurmel oder Gesang.
Aber dann wurde es deutlicher und lauter: Sie verstanden: Gelobt, Herrn, Namen. Die ersten Menschen gingen auf die Straße. Sie traten vor das Gartenhaus. Da konnten sie es deutlicher hören. Es waren aber nicht die Menschen, die etwas riefen. Die hatten nur Angst. Es waren die Liebesengel, die Liebesfestbeleuchtung, die Väterchen Frost an den Tannenbäumen. Ja, sogar die Liebesbäume schienen zu rufen: „Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!“

Weihnachtsgottesdienst in Zwiebelhausen

Andreas verabschiedete sich mit einem kurzen: „Ich muss in die Kirche“ dann nahm er seine Beine unter die Arme und lief so schnell wie möglich dorthin. Die ersten Menschen waren bereits dort angekommen und verlangten Einlass. Hastig schloss er die Türe auf. Sofort strömte die Menge in den eiskalten Raum. Er ging in die Sakristei und holte die alte Bibel. Dann schlug er Lukas 19,40 auf: „Wenn meine Jünger aufhören, das Evangelium zu verkündigen, dann werden die Steine schreien. “ stand da geschrieben. Und an diesem Abend schien das in Zwiebelhausen passiert zu sein.
Er klopfte den Staub von dem alten Buch und erinnerte sich an das, was er früher einmal gelernt hatte. Dann trat er vor die Gemeinde und begann zu erzählen, was es mit dem vergessenen und verbotenen Weihnachtsfest auf sich hatte.
Derweil war die konföderative Weltregierung zu einer Notfallsitzung zusammengekommen. Überall auf der Welt war nämlich diese eine Botschaft zu hören. Die Menschen konnten ihr nicht entrinnen. Viele hielten sich die Ohren zu. Aber aufzuhalten war Weihnachten jetzt nicht mehr. Und nach 5 Jahren hielt der ehemalige kirchliche Sozialarbeiter Andreas Fürchtegott wieder einen Weihnachtsgottesdienst als Pfarrer in der vollbesetzten und eiskalten, verstaubten Zwiebelhausener Kirche.
Die Kinder staunten, was so ein altes Karussell doch alles in Bewegung bringen kann.

© Christian-Michael Kleinau 24.12.2016 http://blog.kleinau.eu

Anmerkungen

Dies ist eine postfaktische Weihnachtsgeschichte. Alle Namen und Charaktere sind frei erfunden und stellen keine realen Personen dar. Die Gemeinde Zwiebelhausen in der Geschichte hat nichts mit einer eventuell existierenden realen Gemeinde Zwieibelhausen zu tun.

Es werden Tatsachen genannt, die es so in der Realität nicht gibt:
1. Es gibt keine konföderative Weltregierung.
2. Weihnachten ist 2016 nicht weltweit verboten, nur in einigen Ländern
3. Die großen Kirchen sind eigenständig und haben sich nicht auf einer Konferenz in Rom zusammengeschlossen.
4. Der Staat hat zwar einzelne soziale Aufgaben an die Kirchen übertragen, aber keine Bedingungen dafür gestellt, was geistlich läuft, schon gar nicht die Einstellung von Gottesdiensten verlangt.
5. Das Lesen der Bibel ist Stand 2016 zumindest in der westlichen Welt nicht verboten.

Andere Fakten stimmen:
1. 2016 hatte seinerzeit das umsatzstärkste Vorweihnachtsgeschäft aller Zeiten.

Die Geschichte darf unter Nennung des Autors kostenlos kopiert, vorgelesen und weitergegeben werden. Vor einer öffentlichen Lesung/Aufführung ist Rücksprache mit dem Autor zu halten. Veränderungen sind jedoch nicht gestattet.

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